"Das Publikum ist schon da und die Schauspieler streiken. Drei
Übriggebliebene versuchen ein Theaterstück auf die Beine zu stellen,
etwas wie „Unsere kleine Stadt“, fragen sich aber: „Wieso müssen w i r
denn jetzt ran?“ – „Na, weil Kreativität nunmal von jedem erwartet wird.
Dagegen kannst du nichts tun. Früher hätten wir dann wenigstens eine
Rolle spielen können, aber jetzt müssen wir wir selbst sein. Jetzt
betrifft es alle. Zieh das an!“
Kreativität ist das beherrschende Thema in „Fahrende Frauen“, der neuen Diskurskomödie von René Pollesch" Quelle: schauspielhaus.ch
"Kreativität, Selbstverwirklichung, Eigenverantwortung. An diesem
Abend sind das kapitalistische Begriffe. Mit Opernguckern lässt Pollesch
seine drei Schauspieler beobachten, wie ihre Kreativität in Echtzeit
ins Publikum sickert und von diesem bald als Schlüsselqualifikation auf
dem Arbeitsmarkt verscherbelt werden wird. Die schicke neue
Polizeiuniform? Geht zurück auf das erste Tröpfchen Farbe auf der
Leinwand von Jackson Pollock. Die Kreativität ist die neue Gier, und:
"Was für eine Sklaverei, diese Eigenverantwortung!"
Ja, es gibt sie also auch hier wieder, diese Pollesch'schen Merk-
oder Sprengsätze, die auch dem Theater selber an die Grundfeste gehen.
Als Franz Beil, Carolin Conrad, Lilith Stangenberg auf der Bühne
verzweifelt nach "Schauspielern" rufen, drückt man ihnen die Bewerbungen
einer Kosmetikfachfrau und eines Elektrotechnikers in die Hand. Das
sind noch Berufe mit klar umrissenen Rollen, aber das hilft in diesem
Fall auch nicht weiter, denn gerade die Schausteller müssen heutzutage
ja "sich selber" sein und sich aus sich selbst heraus verausgaben. Kein
Wunder, dass die drei verfügbaren Exemplare durch Selbstaufblähung
längst viel zu groß sind für die pittoresken Gebäudchen lokaler Zürcher
Provenienz, die ihnen Bert Neumann auf die Bühne gestellt hat. "Unsere
kleine Stadt" (von Thornton Wilder) hätte gespielt werden sollen, aber
da passen die Schauspieler ganz offensichtlich nicht mehr hinein. Hey,
das ist hier schließlich keine Provinzbühne!"
Quelle: Christoph Fellmann in nachtkritik.de,